Gibt es absolute ethische Werte?
Shownotes
In dieser Ausgabe diskutieren der Humanist Helmut Fink und der Theologe Frank Vogelsang die ethische Orientierung, die von Religionen, aber auch von humanistischen Positionen ausgehen. Lassen religiöse Gebote Abweichungen zu? Verhärten sich nicht gerade monotheistische Religionen in der Verabsolutierung von Werten, die als Wille Gottes behauptet werden? Andererseits: Müssen nicht auch humanistische Positionen bestimmte Werte als nicht verhandelbar beschreiben?
Der Humanist Helmut Fink und der Theologe Frank Vogelsang diskutieren kontrovers zu Grundfragen der menschlichen Existenz. So zum Beispiel "Braucht der Mensch einen Glauben?", "Gibt es ein Leben nach dem Tod" oder auch "Widerlegt das Leid der Welt die Existenz Gottes?".
Das Talkformat "Doppelblick" ist eine Kooperation der Evangelischen Akademie im Rheinland und der Akademie für säkularen Humanismus.
Die Folgen 1–14 wurden im Zeitraum Mai 2024 bis November 2025 bereits auf dem YouTube-Kanal eair-Diskurse als Videos veröffentlicht und sind ab Dezember 2025 auch als Podcast zu hören.
Dr. theol. Frank Vogelsang ist Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland. https://ev-akademie-rheinland.ekir.de/start/home/ Dipl.-Phys. Helmut Fink ist Leiter von Kortizes, der Akademie für säkularen Humanismus. https://kortizes.de/akademie/
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00:00:00: Wenn es um ethische Werte geht, dann geht es doch darum, wie wir mit den Mitmenschen umgehen, wie wir mit der natürlichen Umwelt umgehen, wie wir handeln und wie wir in einer materiellen Welt handeln mit Blick auf die Auswirkungen.
00:00:13: Also für mich kommt da Gott gar nicht vor.
00:00:16: Ja, für dich nicht, für mich schon.
00:00:18: Dann kann man vielleicht ethische Werte behaupten, die nicht kulturrelativ sind, also nicht nur auf die eigene Kultur begrenzt.
00:00:29: Und doch aber nicht absolut sind, weil man eben die Differenz zwischen Gott und Mensch aufrechterhält.
00:00:34: Doppelblick.
00:00:36: Streitfragen aus christlicher und humanistischer Perspektive.
00:00:42: Es diskutieren der Physiker Helmut Fink und der Theologe Frank Vogelsang.
00:00:51: Willkommen zu unserer neuen Folge von Doppelblick.
00:00:54: Hallo Frank, welche Frage hast du denn heute mitgebracht?
00:00:58: Ich habe die Frage mitgebracht.
00:00:59: Gibt es absolute ethische Werte, also Werte, die nicht relativiert werden können, sondern die für alle Menschen zu allen Zeiten in allen Kulturen gleich gelten?
00:01:11: Was meinst du, Herr Mut?
00:01:14: Ja, ich verstehe die Frage.
00:01:17: Aber ich würde sagen, anders als bei vielen anderen Fragen, über die wir uns hier schon unterhalten haben, Muss man da gar nicht mit vielen Wenn und Abers agieren und irgendwelche großen Differenzierungen und Unterscheidungen treffen, sondern das scheint mir mal eine Frage zu sein, die man tatsächlich mit Ja oder Nein beantworten kann.
00:01:34: Und ich beantworte Sie mit Nein.
00:01:36: Es gibt keine absoluten ethischen Werte.
00:01:39: Denn absolut, das heißt ja abgehoben, von nichts anderem abhängig.
00:01:43: Und wie soll das bei ethischen Werten denn gehen?
00:01:45: Als Sekularhumanist würde ich sagen, die Menschen müssen sich im Diskurs darauf verständigen, müssen sich in einer Gesellschaft einig werden, wie sie zusammenleben sollen.
00:01:56: Und das ist nichts Absolutes.
00:01:57: Das erfordert einen Austausch, das erfordert das Offenlegen von Interessen, das erfordert einen Gesellschaftsvertrag.
00:02:04: Und was würde es heißen, dass solche Werte absolut sind?
00:02:07: Wer sollte die denn setzen?
00:02:09: Eine absolute Macht.
00:02:11: Da fällt mir der Spruch ein Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut.
00:02:16: Das kann man sich nicht wünschen.
00:02:19: demokratische Verhältnisse, friedlicher Austausch führt halt dann dazu, dass auch Werte abhängig sind.
00:02:30: Von den Interessen von Menschen und vielleicht auch vom Kulturkreis oder so, das können wir uns dann ja überlegen.
00:02:39: Vielleicht sind manche Werte historisch kontingent.
00:02:44: Man redet ja von Wertewandel.
00:02:46: Das spricht doch auch gegen die Absolutheit.
00:02:48: Oder wie siehst du das denn?
00:02:51: Wir könnten jetzt eigentlich ein sehr kurzes Gespräch hören, indem ich dir zustimme und damit hätten wir das Problem gelöst.
00:02:56: Aber ich glaube, dass da noch Faltstrecke sind, die wir betrachten sollten.
00:03:02: Ja, absolute ethische Werte anzunehmen führt zu einer erheblichen Zahl von Fragen, die nur schwer zu beantworten sind.
00:03:12: Du hast einige davon gerade genannt.
00:03:15: Dennoch ist es aber so, dass wir sehr wie absolute Werte wahrscheinlich nicht vertreten würden, aber doch auch einem Wert Relativismus nicht davor treten.
00:03:29: So hat jede Kultur ihre eigenen Werte und in dem einen bringen halt Menschen um, in der anderen Kultur nicht.
00:03:37: So ist es eben.
00:03:38: Und was soll man tun?
00:03:40: Sondern wir sind ja schon geneigt, auch Urteile zu fällen über kulturelle Grenzen hinweg.
00:03:46: Und ich glaube auch, dass das sehr notwendig ist.
00:03:50: Wir haben ja immer die Frage von Religiosität und Religionen im Hintergrund.
00:03:55: Ich glaube, aus meinem christlichen Glauben heraus bin ich schon aufgerufen, auch Urteile zu fällen über solche Kulturen, die ich nicht selber angehöre, in denen aber grundlegende ethische Werte massiv verletzt werden.
00:04:11: Also, wir haben schon eine Notwendigkeit über einen Kulturrelativismus hinaus zu gehen.
00:04:19: Und die Frage ist, wie wir den dann begründen, wenn wir keinen absoluten Werte haben.
00:04:22: Das ist in der Tat schwierig.
00:04:25: Ja, okay, dann muss ich allerdings klarstellen, dass ich keinen Werterelativismus vertreten wollte.
00:04:33: Also nicht einen umfassenden Kulturrelativismus, sondern ich wollte nur sagen, dass die Ausprägung, die Art, wie Werte gelebt werden, natürlich ein Stück weit von der Kultur abhängt.
00:04:42: Aber das heißt nicht, dass man sich nicht menschheitlich auf Grundwerte auch verständigen können sollte.
00:04:48: Also keiner will umgebracht werden, keiner will gefoltert werden, keiner will gequält werden, keiner will in seinen Bewegungs- und Entfaltungsmöglichkeiten lebenslang eingeschränkt bleiben.
00:04:58: Und ja, ich denke, mit diesem Blick auf sehr elementare menschliche Interessen kann man sich verständigen.
00:05:05: Das ist nicht relativistisch.
00:05:07: Ich würde aber auch nicht sagen, dass das, was dabei rauskommt, absolute Werte sind.
00:05:12: Und was ich natürlich, was bei meiner Ablehnung dieses Konzeptsabsolute Werte natürlich mitschwingt, ist der alte Anspruch von Religionen, fundamentalistischen Religionen, insbesondere, die dann ja sagen könnten, wir haben es jetzt.
00:05:28: Folgt uns und wenn ihr das nicht tut, dann seid ihr eben auf dem Holzweg und dann bestraft euch Gott und ihr landet in der Hölle und so weiter.
00:05:35: Und ich meine, das Mittelalter war ja lang genug.
00:05:39: Und bis in die frühe Neuzeit wurden Menschen verbrannt aus religiösen Gründen.
00:05:47: Und ich denke, das würdest du ja auch nicht vertreten.
00:05:52: Herzlichen Glück gelassen, selbstredend.
00:05:54: Ja, aber die tatsächliche Frage dahinter steht ist, wie finden wir eine Quelle für eine Wertorientierung oder für die Behauptung der Gültigkeit ethischer Werte, die über kulturelle Grenzen hinausgehen, die man gerade selber auch angehört?
00:06:15: Ich glaube, dass dies, also in der Religion ist das angelegt und zwar mit dem Hinweis auf Gott als Gegenüber.
00:06:23: Und ich mache mal einen Vorschlag, der vielleicht beides zu relativieren oder in Beziehung zu setzen hilft.
00:06:31: Wenn ich Gott als Gegenüber beschreibe und mir nicht die göttliche Position zu eigen mache, sondern mich selbst, meine eigene Position immer auch von Gott relativieren lassen muss, dann lassen sich die beiden Dinge vielleicht auch zusammen denken in der folgenden Weise.
00:06:50: Ich mache einen Fehler, wenn ich mich selber an Gott statt an eine göttliche Position setze, dann behaupte ich absolute Werte.
00:07:00: Ich mache aber auch einen Fehler, wenn ich den Eindruck habe, ich kann mich auch mich selbst konzentrieren und Gott spielt für mich keine Rolle.
00:07:08: Der Bezug zu Gott kann vielleicht eine Hilfe sein, sowohl dem Relativismus zu wehren, als auch eine absoluten Position zu wehren.
00:07:18: Sofern man denn die Unterscheidung zwischen Gott und meiner eigenen immer mit ihr einbezieht.
00:07:23: Was hältst du davon?
00:07:26: Du konstruierst dir ein liberales Gottesbild und im Gegenüber zu diesem als liberal gedachten Gott kannst du dich dann selbst liberal verhalten.
00:07:38: Also ehrlich gesagt, wirkt das für mich wie eine teilweise Auflösung dessen, was Religion früher in Anspruch genommen hat, weil es halt in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr funktioniert.
00:07:49: Ich würde viel fundamentaler fragen, wozu brauche ich denn das kulturelle Konstrukt Gott?
00:07:55: Wenn es um ethische Werte geht, dann geht es doch darum, wie wir mit den Mitmenschen umgehen, wie wir mit der natürlichen Umwelt umgehen, wie wir handeln und wie wir in einer materiellen Welt handeln mit Blick auf die Auswirkungen.
00:08:08: Also für mich kommt da Gott gar nicht vor.
00:08:12: Ja, für dich nicht, für mich schon.
00:08:14: Es ist kein liberales Verständnis von Gott.
00:08:17: Insofern ist kein liberales Verständnis, als ich diese Gottliche Position schon als eine absolute Verstehe.
00:08:25: Also Gott schaut sozusagen aus einer absoluten Perspektive auf die Welt, nicht aus einer relativ liebigen oder beiläufigen.
00:08:33: Nur ist es so, dass ich und das wäre vielleicht ein liberaler Aspekt, ich mir nicht die göttliche Perspektive zu eigen machen kann.
00:08:41: Da hast du Recht.
00:08:42: In der Vergangenheit ist das oft falsch gelaufen, sind diese Identifizierung vorgenommen worden, haben Menschen gesagt, ich sage dies und gott man das im Übrigen auch, was eine völlige Verkürzung des Gottesverständnisses ist.
00:08:57: Aber wenn man diese Differenz aufrecht erhält und alle großen Autoren, auch biblische Autoren, das ist also kein modernes Phänomen, haben immer wieder die Differenz zwischen Gott und Mensch ins Spiel gebracht und eingeklagt.
00:09:13: Wenn man diese Differenz ernst nimmt, dann kann man vielleicht ethische Werte behaupten, die nicht kulturrelativ sind, also nicht nur auf die eigene Kultur begrenzt und doch aber nicht absolut sind, weil man eben die Differenz zwischen Gott und Mensch aufrechterhält.
00:09:33: Jetzt verstehe ich nicht genau, wie die Wertebegründung bei dir abläuft.
00:09:36: Also du sagst, dass absolute siehst du nur bei Gott, bei deinem Gott, nicht bei Menschen.
00:09:44: Und es soll aber doch irgendeine Begründungsfunktion dann haben für die Werte, die selbst aber wiederum nicht absolut sind.
00:09:50: Also wie funktioniert das jetzt?
00:09:53: Also traditionell hätte man doch gesagt, nur eine absolute Autorität oder absolute Werte binden den Menschen absolut.
00:10:04: Und das wollte man vielleicht, weil man sicher gehen wollte, dass sich die Menschen an bestimmte Regeln halten und so weiter.
00:10:10: Und ja, jetzt sehen wir, da gibt es eine Kulturabhängigkeit.
00:10:16: Und du postulierst aber dann doch den absoluten Gott.
00:10:20: Und was macht dieser absolute Gott jetzt?
00:10:22: Also, wirkt der dann relativ in verschiedenen Kulturen?
00:10:25: Ist das dann immer derselbe Gott?
00:10:28: Oder ist es nur eine subjektive Begründung?
00:10:32: dass es gewissermaßen nur dich als den, der an diesem Gott glaubt, bindet.
00:10:39: Wie denkst du dir das?
00:10:40: Genau.
00:10:42: Ich denke, dass man strikt, also ich argumentiere als der Mensch, der ich bin, in den Grenzen, in denen ich existiere.
00:10:50: Ich rede nicht als der Christ oder als die Theologie, sondern als ein Mensch mit einer christlichen Trägung und einem theologischen Ausrichtung in der Zeit, in der ich lebe und rede.
00:11:02: Und das ist immer dadurch relativiert und unterscheidet sich von der absoluten Position, die ich Gott zuspreche, die ich aber nicht einnehmen kann, auf die ich mich aber beziehe und von der ich mich auch angesprochen fühle.
00:11:15: Also insofern gibt es da eine Beziehung auf dieses Absolute, ohne dass ich mir das irgendein vereinnahme.
00:11:21: Und so wäre es möglich, ist es möglich, einerseits nicht kulturell relativistisch zu argumentieren und zugleich nicht eine absolute Position einzunehmen.
00:11:33: Das ist ja in der Vergangenheit tatsächlich auch von vielen religiösen Menschen immer wieder proklamiert worden, manne Ansicht nach fälschlicherweise und auch kritisiert von vielen religiösen Autoren.
00:11:45: Im Grunde genommen, wenn ich das mal übertrage, vermute ich, wirst du die Vernunft gar nicht viel anders sehen.
00:11:53: Du würdest nämlich auch vermute ich sagen, die Vernunft in der überzeitlichen, wie auch immer reinen Form ist dir nur sehr begrenzt zugänglich.
00:12:07: Aber würdest du immer an Vernunft appellieren und daran, dass Menschen vernünftig sein sollen, wissen darum, dass es immer nur begrenzt auch sein können.
00:12:17: Also dann wäre da tatsächlich, wenn du die Vernunft nicht für dich reklamierst und sagst, ich, Helmut Fink bin vernünftig, die anderen sind es leider nicht, Wollingen der Frankfurter Sankt nicht.
00:12:27: Also wenn du das nicht machst, dann würdest du damit vielleicht auch eine ganz ähnliche Brücke schlagen.
00:12:33: Na ja, wir kennen uns ja schon ganz gut und in der Tat berufe ich mich immer gerne auf die Vernunft, denn die Vernunft ist ein universelles Werkzeug, das den Menschen zum Glück zur Verfügung steht.
00:12:42: Aber ich würde die Vernunft nun auch möglichst nicht ontologisch überhöhlen.
00:12:48: wohin gegen mir die Absolutheit in deinem Weltbild doch schon so erscheint, dass du sie gewissermaßen in ein Reich über den Wolken irgendwie abschiebst.
00:13:00: Dort kann sie dann herrschen und dann blickst du als bescheidener Mensch von der Erde aus hoch und kannst dich immerhin daran orientieren.
00:13:08: Das halte ich für ein ziemlich fantasierreiches Konstrukt und so würde ich mit der Vernunft nicht umgehen, sondern die Vernunft ist eine Fähigkeit, die die Menschen haben, die man prüfen kann und die sozusagen mitten unter uns ist und nicht von oben, nicht vom Himmel kommt.
00:13:22: Ja, da würde ich doch gerne mal, ich meine, ich könnte gerne noch was zu diesem Gottesbild sagen, den ich natürlich nicht folge, also nichts mit Himmel und einem Jenseits oder dergleich, ich glaube, das Gott nur in der Welt, in der wir auch leben und gerade auch in dem zwischemenschlichen Geschehen zu erfahren ist, aber mal zu dem, zu der Vernunft, die du prüfst, mit welchen Mitteln prüfst du Vernunft.
00:13:45: Also doch wahrscheinlich eher mit Mitteln der Vernunft, also das heißt, du prüfst die Vernunft mit der Vernunft.
00:13:50: und das ist Tatsächlich, mir ist das auch bei Papa mal aufgefallen, dass er sagt, er möchte gerne vernünftig argumentieren.
00:14:00: Wenn er gefragt wird, warum er vernünftig argumentieren möchte, fehlen ihm die Argumente, weil es können ja nur wiederum vernünftige Argumente sein.
00:14:08: Kurzum, die Vernunft, das ist auch ein Zirkelschluss.
00:14:12: Also das heißt, der Bezug auf Vernunft als Letztgröße führt auch zu so einer zirkulären Argumentation.
00:14:19: Ja, man kann natürlich ausformulieren und erläutern, woraus die Leistungen der Vernunft bestehen und man kann vergleichen, was rauskommt, wenn man sich an solche Regeln hält, etwa an Regeln des logischen Schließens.
00:14:31: oder dass man, wenn man von der Außenwelt redet, empirische Belege gerne hätte oder sowas.
00:14:36: oder dass man vernünftige Verallgemeinerungen von Begriffen vornimmt, um dann Spezialfälle darunter subsumieren zu können und so weiter.
00:14:43: Das sind ja alles Leistungen der menschlichen Vernunft.
00:14:46: oder auch durchaus intuitive Kriterien der Angemessenheit eines Verhaltens oder so.
00:14:51: Vernunft ist ja ein reichhaltigerer Begriff als die bloße Rationalität, der bloße Verstand.
00:14:57: Und das kann man ja einfach vergleichen, damit was rauskäme, wenn man sich nicht an die Vernunft hält.
00:15:02: Nicht ohne Grund rede man dann ja von irrational.
00:15:06: oder dass Dinge nicht zielführend sind und so weiter, Menschen können da ja versagen, können sich blöd verhalten und insofern scheint mir die Nützlichkeit und die Tragfähigkeit der Vernunft eigentlich evident.
00:15:19: und die Frage ist nur immer, in welcher Ausprägung wird sie bei konkreten Problemen angewandt?
00:15:29: Nach den absoluten Werten, lass mich das noch sagen, da tut es ja letztlich um eine Begründungsfrage.
00:15:33: Wie können solche Werte denn begründet werden?
00:15:35: Und das absolute, das lässt mich immer an überzogene Letztbegründungsansprüche denken.
00:15:43: Wie wir sie ja etwa in der Erkenntnistheorie auch haben, wenn es darum geht, irgendwas zu beschreiben oder so, kann man sich denn da sicher sein, gibt es den sicheres Wissen.
00:15:51: Und da hat ja nun der große kritisch-rationale Philosoph Hans Albert.
00:15:57: das Münchhausen-Trilemma ins Spiel gebracht, dass ich ja öfters und immer gar nicht zitiere, dass er nämlich sagt, also wenn man Letztbegründungen haben will, dann gibt es eigentlich nur drei Möglichkeiten.
00:16:06: Entweder man befindet sich in einem Zirkel, man kommt auf das Ugenacht Begründungen, auf das Zurück, was man schon hatte, dann hat man in Wahrheit nichts begründet.
00:16:14: So habe ich da einen Vorwurf grad inverkunden.
00:16:17: Oder aber man landet in einem infiniten Regress, man kann immer weiterfragen und immer bei allem, was man sagt, wiederfragen, wie ist das denn begründet, dann kommt man aber auch zu keinem Ende.
00:16:28: Oder man bricht das Verfahren ab.
00:16:30: Und das sagt Hans Albert, letztlich sind die Stellen, an denen wir es abbrechen, doch immer willkürlich.
00:16:35: Und dann hat man eigentlich auch nicht das erreicht, was man wollte, nämlich eine Letztbegründung.
00:16:41: Und so scheint mir das bei den absoluten Werten doch auch zu sein.
00:16:44: Man kann Begründungen haben.
00:16:47: Und da können wir uns, denke ich, über vieles verständigen.
00:16:50: Begründungen, die auf auf lebbare Verhältnisse der Menschen rekurrieren.
00:16:57: Aber ja, das führt dann eben zu Werten, Begründungen für Werte, aber nicht Letztbegründungen für absolute Werte.
00:17:08: Wir sind da einer Meinung.
00:17:10: Ich würde niemals jetzt auch den Anspruch erheben wollen, absolute Werte einzubringen oder für Sie zu sprechen.
00:17:18: Das habe ich auch zu Beginn deutlich gesagt.
00:17:22: Dennoch bleibt da ein Stachel, denn das klingt so vernünftig, so von Vernunft zu reden, dass man sagt, Vernunft ist ein Instrument, das ich nutzen kann für diese und jene Probleme, um sie zu lösen und dann prüfe ich, ob sie sich lösen kann und gut ist.
00:17:36: Das kann in einen heilenlosen Relativismus übergehen, man kann auch sehr vernünftig in Sinne von sehr zweckorientiert und sehr ressourcenoptimiert darüber nachdenken, Menschen zu töten.
00:17:50: Also es ist sozusagen vernünft, ist in sich kein Reservoir, das ja nicht auch missbraucht werden kann.
00:18:02: Wenn man es denn so als technische oder als instrumentelle Vernunft versteht, darüber hinaus gibt es aber doch den Anspruch und davon können auch kritische Nationalisten und Philosophen nicht lassen, so etwas wie eine Norm zu setzen, was man noch als vernünftig akzeptiert und was nicht mehr.
00:18:24: Und das war mein Hinweis auf Popper, der dann tatsächlich wohl die dritte Variante gewählt hat, die sein Schüler Albert dann später ausgearbeitet hat, nämlich er ist dann ausgestiegen, hat gesagt, wenn ich nochmal begründen sollte, warum ich denn jetzt vernünftig begründen möchte, muss ich einfach sagen, ich tue es.
00:18:41: Punkt.
00:18:43: Das heißt, da ist dann keine Letzbegründung mehr möglich.
00:18:47: Ist aber auch eine Form von Versuch der Letzbegründung, das kurzum.
00:18:52: So sehr wir darin übereinstimmen, dass wir absolute Werte wohl nicht wollen.
00:18:57: So sehr, aber, glaube ich, können wir auch sie nicht ganz wegschneiden und sagen, lass uns nur noch über relative Werte reden, was mir hier oder da funktional angemessen, sinnvoll und wie auch immer erscheint.
00:19:10: Ja, also, dass keine Letztbegründung möglich ist, das sollte kein Vorwurf gegen Poppers sein, denn das sagt Popper ja auch und ich vertrete es auch.
00:19:18: Also, Poppers ... Großes Rahmenkonzept war ja, Dinge als hypothetisch zu betrachten, mal anzunehmen und anzuwenden und dann zu schauen, was dabei rauskommt.
00:19:28: Und das kann man bei gelebten Werden ja genauso tun.
00:19:32: War ist auch, dass bloße Zwegrationalitäten natürlich missbraucht werden kann.
00:19:37: Also auch der intelligente Trickbetrüger, der handelt Zwegrational.
00:19:44: Wir würden nur seine Zwecke irgendwie als moralisch tiefstehend ansehen.
00:19:50: Das ist alles wahr.
00:19:52: Gleichwohl würde ich die Interessen der jeweils beteiligten und betroffenen Menschen als legitim in Anfangspunkt sehen, weil das das ist, was bei der Frage nach Werten einfach eine Rolle spielt.
00:20:09: Denn die Werte sollen ja unser Verhalten mit regulieren und das Verhalten wird Auswirkungen haben auf die Mitmenschen.
00:20:18: Also muss man sich anschauen, was ja, was wird denn mit Menschen zugestehen wollen, was die immer Interessen sind.
00:20:26: So, und diese Verhandlung auch in einem gesellschaftlichen Diskurs, die findet doch hoffentlich mit Vernunft statt.
00:20:32: Also du willst doch nicht die Vernunft als das menschliche Denkwerkzeug angreifen, oder?
00:20:38: Das war nicht meine Absicht.
00:20:41: Mir war es im Gegenteil sogar noch darum gelegen, wenn man die Vernunft ins Feld führt, man vielleicht mehr ins Feld führt als ein Instrument.
00:20:49: Das war mein Punkt.
00:20:50: Wir waren ja bei den absoluten Werten.
00:20:52: Und meine Sache war zu sagen, ja, ich stimme überein, dass wir keine absoluten Werte so leicht akzeptieren würden.
00:21:00: Und doch bleibt der Stachel, dass es da immer auch gewisserweise eine Notwendigkeit gibt, auf so eine Orientierung hinzuarbeiten, weil wir sie brauchen, um nicht in einem Relativismus zu verfallen.
00:21:14: Und das Gleiche gilt, man ahnt sie nach für die Vernunft auch.
00:21:18: Wenn jemand sagt, ich habe nun eine Form gefunden, wie man vernünftig Menschen töten kann, dann würdest du nicht sagen, ach, das entspricht auch meiner Forschung von Vernunft, ist doch toll, dass er diese Form gefunden hat, sondern würde es dem widersprechen und sagen, das ist nicht vernünftig.
00:21:33: Im Gegensatz widerspricht der Vernunft.
00:21:36: Also ist die Vernunft nicht im Liegerweise relativ, sondern die hat schon so etwas, wenn man sie ins Feld führt, wie einen zu absolut hat, hintendierenden Anspruch mal vorsichtig formuliert.
00:21:49: Also das ist eine gute Frage, ob diese Art von Entscheidung über Grundwerte, ob die von der Vernunft alleine getroffen werden kann.
00:21:58: Also der große Aufklärungsphilosoph Emanuel Kant hat das ja geglaubt.
00:22:01: Der hat sozusagen alles aus dem menschlichen, aus dem Faktum der Vernunft, wie er gesagt hat, ableiten wollen und der kategorische Imperativ kam dabei raus.
00:22:10: Der ist ja auch gut.
00:22:11: Aber der ist sowas wie ein Minimal-Test, würde ich sagen, für die Universalisierbarkeit von ethischen Normen.
00:22:19: Ob mit Vernunft alleine Ethik-Bekründungen möglich sind, da wäre ich zögerlich.
00:22:25: Ich würde sagen, Grundwerte erfordern immer auch eine Entscheidung, denn Werte folgen einfach nicht aus der Natur und die folgen auch nicht aus dem, was wir als Scientist betrachten können oder was wir beschreiben, so dass Deskriptive, wofür die Erkenntnistheorie zuständig ist, daraus folgt nicht, wie wir die Dinge bewerten.
00:22:50: Also aus guten Gründen war ja in der Philosophie immer die Ethik ein anderes Teilgebiet als die Erkenntnistheorie.
00:22:57: Also da scheint es nochmal eine Art von Freiheit zu geben, welche Grundwerte wir setzen.
00:23:02: Und wenn jemand Grundwerte setzt, die menschenfeindlich sind, ja, das kann man auch mit Rationalität tun.
00:23:11: Und dann ist die Frage, wollen wir vernunft so anspruchsvoll fassen, dass eine bestimmte Art von menschenfreundlichen Grundwerten da schon mitimpliziert ist?
00:23:22: Und ob nicht diese dann in eine Richtung eine Absolutheit hendieren müssen, ob wir das nicht behaupten müssen, ohne um nicht einem Relativismus zu verfallen.
00:23:33: Genau.
00:23:33: Das ist, das ist meiner Ansicht nach die, die Spur, die ich da mitlegen wollte und die meiner Ansicht nach auch kritische Rationalisten wie Popper und Albert nicht so ganz entgehen können.
00:23:43: Ja, wahrscheinlich kommen wir auch dabei nicht zu einem letztgültigen Ziel, aber ich finde zunächst mal erstaunlich auch die Übereinkunft, die wir da gefunden haben und die Erkenntnis, dass wahrscheinlich die Absolutheit, auch wenn sie nicht so zentral ist, wenn man sie nicht eben absolut setzen kann, aber dennoch ein offenes Problem ist.
00:24:12: Ja, okay.
00:24:15: Das heißt, ich muss wohl sagen, dass anders als meine spontanen Reaktionen es doch noch die Notwendigkeit der Differenzierung gibt.
00:24:24: Und auch bei dieser Frage mal etwas genauer hinzuschauen, insbesondere im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit der Vernunft.
00:24:31: Denn ich hatte am Anfang jahrrecht die Brüde gesagt, auf deine Frage gibt es absolute ethische, wäre ich einfach gesagt, nein.
00:24:38: Ich würde bei diesem Nein bleiben.
00:24:41: Aber ich sehe, dass die Verständigung über ethische Werte, vor allem wenn man über die eigenen Lebensverhältnisse, über die eigene Kultur, über die eigene Zeit hinausblicken will, einfach eine nicht triviale Frage bleibt und dass man sich vor Übertrieben im Relativismus dabei hüten muss.
00:25:01: Ja, also dem würde ich sehr zustimmen und ich glaube, dass wir da in der Frage, die ich eingangs gestellt habe, dass die auch ein Stückchen weiter bekommen sind, nämlich dass wir sozusagen beide Extrempositionen definitiv ausschließen.
00:25:18: Ein Relativismus von Werten, wie auch der Position, dass es möglich sei, für bestimmte Menschen absolute Werte behaupten zu können.
00:25:31: Und wenn beide wegfallen, bewegt man sich in einem Mittelfeld und das hat für mich das Gespräch noch mal gezeigt, dass sozusagen kein Gelände hat, wo man nicht so einfach auf der sicheren Seite ist und sagt, hier kann man langgehen, das ist gut gemauert, sondern wo wir immer wieder schauen müssen, ob wir mehr in die eine oder mehr in die andere Richtung tendieren und uns dadurch auch noch mal kritisch infrage stellen lassen müssen.
00:25:56: Vielleicht zum Schluss.
00:25:58: Es ist ja so, dass diese Positionen durchaus weiterentwickelt worden sind und dialogische Formen der Philosophie mit ins Spiel gebracht worden sind.
00:26:10: Unter anderem auch von Habermas und anderen, die sagen, wahrscheinlich kann nicht ein einzelner Mensch diese Aufgabe lösen, sondern nur eine Vielzahl von Menschen in einem wechselseitigen Diskurs, in dem sich immer wieder gegenseitig korrigieren.
00:26:24: Vielleicht auch ein Thema, den wir dann künftig noch mal nachgehen können.
00:26:29: Ja, klar.
00:26:31: Wir werden im Gespräch bleiben und möge die Vernunft bei uns bleiben.
00:26:37: Dem kann ich sehr zustimmen.
00:26:38: Bis bald.
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